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Warum dein Genauigkeitswert je nach Plattform anders ausfällt

Wie Plattformen Genauigkeit berechnen und warum die Zahlen selten übereinstimmen

ChessOnyx·2026-03-20·6 min read

Du spielst eine Partie auf Chess.com und bekommst 87 % Genauigkeit angezeigt. Dieselbe Partie auf Lichess importiert, und plötzlich markiert die Analyse ganz andere Ungenauigkeiten. Lässt du sie zu Hause durch Stockfish laufen, kommt wieder etwas Drittes heraus. Welche Zahl stimmt nun?

Die Antwort: keine davon ist objektiv "richtig". Jede Plattform arbeitet mit eigener Methodik, eigener Engine-Version, eigener Rechentiefe und eigenen Einstufungskriterien. Wer diese Unterschiede kennt, nutzt Genauigkeitswerte sinnvoll, statt sich an Zahlen festzubeißen, die nie als exakt gedacht waren.

Wie Genauigkeitswerte berechnet werden

Die Grundidee ist simpel: Jeder deiner Züge wird mit dem besten Zug der Engine verglichen und der Abstand gemessen. Wie dieser Vergleich im Detail abläuft, unterscheidet sich zwischen den Plattformen allerdings erheblich.

Manche rechnen mit einem Centipawn-Verlust-Modell: Sie messen, wie viel Bewertung du mit jedem Zug gegenüber dem besten Zug "verloren" hast, und rechnen das in einen Prozentwert um. Andere nutzen ein Gewinnwahrscheinlichkeits-Modell: Sie übersetzen Bewertungen in Gewinnchancen und messen, wie viel Gewinnwahrscheinlichkeit dich ein Zug gekostet hat. Für dieselbe Partie können beide Ansätze spürbar verschiedene Ergebnisse liefern.

Das Centipawn-Modell bestraft in bereits entschiedenen Stellungen härter. Stehst du auf +5,0 und spielst einen Zug, der auf +3,0 senkt, sind das 200 Centipawn Verlust — nach dieser Metrik erheblich —, obwohl du weiterhin klar gewinnst. Das Gewinnwahrscheinlichkeits-Modell ist hier nachsichtiger, denn zwischen +5,0 und +3,0 ändert sich die Gewinnchance kaum.

Umgekehrt reagiert das Gewinnwahrscheinlichkeits-Modell empfindlicher rund um den Ausgleich. Von +0,3 auf -0,3 zu rutschen, ist mit 60 Centipawn ein kleiner Verlust, bedeutet aber eine deutliche Verschiebung der Gewinnchancen.

Das Problem mit der Tiefe

Der vielleicht größte Faktor hinter schwankenden Genauigkeitswerten ist die Rechentiefe. Wie schon in unserem Artikel über Engine-Bewertungen beschrieben, kann sich das Urteil einer Engine zwischen Tiefe 18 und Tiefe 28 erheblich verschieben.

Die meisten Plattformen analysieren mit mittlerer Tiefe, typischerweise 18 bis 22, weil täglich Millionen Partien mit Tiefe 30 und mehr zu rechnen enorme Ressourcen verschlingen würde. In diesem Bereich ist der "beste Zug" der Engine aber nicht immer wirklich der beste. Dein angeblich "ungenauer" Zug kann sich in größerer Tiefe als der stärkere herausstellen.

Daraus folgt eine unbequeme Wahrheit: Genauigkeitswerte messen dein Spiel an einem unvollkommenen Maßstab. Eine Engine auf Tiefe 20 ist kein Orakel, sondern ein sehr starker, aber fehlbarer Analytiker. Ihre Einschätzung als absolute Wahrheit zu behandeln, baut systematische Fehler in die Rechnung ein.

Wo die Schwellen liegen

Plattformen setzen unterschiedliche Schwellen dafür an, ab wann ein Zug als "bester", "ausgezeichnet", "gut", "Ungenauigkeit", "Fehler" oder "Blunder" gilt. Diese Grenzen sind zu einem guten Teil willkürlich und prägen die Erzählung deiner Partieanalyse maßgeblich.

Die eine Plattform nennt 50 Centipawn Verlust bereits einen "Fehler", die nächste verlangt dafür 100. Die eine vergibt "bester Zug" nur für den einen Topzug der Engine, die andere für jeden Zug, der höchstens 10 Centipawn darunter liegt.

Solche Einstufungen sind Designentscheidungen, keine schachlichen Wahrheiten. Sie bestimmen, wie viele "Fehler" in deiner Auswertung auftauchen, welche Züge hervorgehoben werden und wie du am Ende dein eigenes Spiel siehst. Eine Partie, die auf einer Plattform sauber wirkt, kann auf einer anderen fehlerdurchsetzt aussehen — obwohl das Schach darunter identisch war.

Engine-Versionen und Netze

Selbst wenn zwei Plattformen beide "Stockfish" verwenden, können dort verschiedene Versionen mit verschiedenen NNUE-Netzen laufen. Stockfish 15 bewertet anders als Stockfish 17, und Stockfish 17 wiederum anders als Stockfish 18. Meist sind die Unterschiede klein, in bestimmten Stellungstypen aber durchaus spürbar.

Manche Plattformen setzen eigene Engines ein oder abgewandelte Fassungen quelloffener Engines. Deren Bewertungsverhalten, Stärken und Schwächen können vom Standard-Stockfish abweichen. Nennt eine Plattform Engine und Version gar nicht, verliert jeder Genauigkeitsvergleich vollends an Aussagekraft.

Bei ChessOnyx läuft Stockfish 18 mit NNUE, die aktuelle stabile Version, und wir sagen das offen. Wenn wir Analysefunktionen veröffentlichen, weißt du immer genau, welche Engine mit welchen Einstellungen die Bewertungen erzeugt.

Der Faktor Gamification

Man sollte anerkennen, dass Genauigkeitswerte zwei Zwecken dienen. Sie sind teils analytisches Werkzeug, teils Bindungsmechanik. Plattformen haben ein wirtschaftliches Interesse daran, dass sich Analyse belohnend anfühlt und Nutzer wiederkommen.

Das zeigt sich in Feinheiten: großzügige Genauigkeitswerte, die schmeicheln, dramatische Etiketten, die einprägsame Momente schaffen, oder Performance-Zahlen, die stärker wirken lassen, als man ist. Unehrlich ist das nicht zwangsläufig, aber man sollte die Beweggründe dahinter kennen.

Die wertvollste Analyse ist nicht die, bei der du dich am besten fühlst, sondern die, die dir zeigt, wo du besser werden kannst. Manchmal ist die nützlichste Rückmeldung unangenehm und legt Fehlermuster offen, die dir gar nicht bewusst waren.

So nutzt du Genauigkeitswerte sinnvoll

Trotz aller Grenzen lassen sich Genauigkeitswerte gewinnbringend einsetzen, wenn man richtig an sie herangeht:

Verfolge deine Genauigkeit über längere Zeit auf einer einzigen Plattform. Die absolute Zahl sagt wenig, aber Verläufe innerhalb desselben Systems sind aussagekräftig. Steigt dein Schnitt dort über mehrere Monate von 75 % auf 82 %, ist das echter Fortschritt — auch wenn die Zahlen selbst etwas willkürlich gesetzt sind.

Vergleiche keine Genauigkeitswerte zwischen Plattformen. 85 % auf der einen entsprechen nicht 85 % auf der anderen. Vergleiche nur innerhalb desselben Systems.

Schau auf die Analyse, nicht auf den Wert. Der eigentliche Nutzen einer Nachbetrachtung liegt darin, konkrete Stellungen zu verstehen, in denen du falsch abgebogen bist. Der Prozentwert ist eine zusammenfassende Kennzahl, die mehr verdeckt als offenlegt.

Sei misstrauisch bei sehr hohen Werten. Wenn dir eine Plattform durchgehend 95 % bescheinigt, arbeitet sie womöglich mit großzügigen Schwellen, statt tatsächlich nahezu fehlerfreies Spiel abzubilden. Nimm das als Anlass, eine strengere Analyse zu suchen, nicht als Bestätigung, dass alles passt.

Denk daran, dass Schach von Menschen gespielt wird, nicht von Engines. Ein Zug, der nach Engine-Maßstab "zweitbester" ist, kann in einer echten Partie die praktischere Wahl sein — gerade unter Zeitdruck. Genauigkeitswerte erfassen die menschlichen Anteile des Spiels nicht: Zeiteinteilung, psychischen Druck, praktische Verwicklungen. Und die wiegen genauso schwer wie die reine schachliche Qualität.

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